Des Müllers Säcke

Es war einmal ein junger Müller, dem waren seine Säcke zu klein. Zwar konnte er nicht behaupten, daß sie zu rein gar nichts taugten, aber für das, was er im Sinn hatte, waren sie wirklich nicht groß genug.

Der Müller wollte nämlich gern einmal Maikönig sein. Seit er zum Manne geworden war, wünschte er sich nichts sehnlicher, als in der Mainacht von den anderen jungen Männern zu ihrem König gewählt zu werden – und sie wählten stets denjenigen, der die größten Säcke hatte. Alle Burschen brachten ihre Säcke mit, zeigten sie herum und verglichen sie mit denen der anderen. Tja, und unser Müller hatte leider kaum Aussichten, der hohen Ehre des Maikönigtums jemals teilhaftig zu werden. Das machte ihn sehr traurig.

Denn die jungen Frauen wählten ihrerseits die Schönste und Liebste unter ihnen zur Königin und führten sie dem Maikönig zu. Das geschah jedes Jahr in einer nächtlichen, herrlich wilden und deshalb vom Bischof verbotenen Zeremonie in den Wäldern.

Diesmal jedoch war des Müllers Kummer kaum zu ertragen. Die mittlere Tochter des Besenbinders war im vergangenen Jahr zu einer wunderschönen Jungfrau herangereift, und es war sehr wahrscheinlich, daß die anderen Mädchen sie in der kommenden Mainacht zur Königin machen würden. Unser Müller mit den kleinen Säcken aber liebte die mittlere Tochter des Besenbinders über alles. Zwar war er nicht der einzige im Dorf, dem es so ging, doch er allein war der Glückliche, der das Herz der Schönen für sich gewonnen hatte. Sie wußte nichts von seinen kleinen Säcken, sondern hatte sich in sein freundliches Gesicht und seine ruhige, zurückhaltende Art verliebt.

Dem jungen Müller war der Gedanke, die Tochter des Besenbinders könne in der Mainacht ihre königliche Unschuld an jemand anderen als an ihn verlieren, ganz und gar unerträglich. Er war so verzweifelt, daß er kaum noch schlief und ganz grau im Gesicht war.

Seinem Vater, der sich vor einiger Zeit auf das Altenteil zurückgezogen hatte, entging es nicht, daß der Sohn mit jedem Tag bedrückter aussah.

Der alte Müller war ein kluger Mann. Er wußte, das diesjährige Maifest rückte näher und näher, und er konnte sich noch gut daran erinnern, wie wichtig dieses Ereignis auch für ihn immer gewesen war, als er noch nicht so viele Runzeln gehabt hatte und seine Säcke stets prall gefüllt gewesen waren.

Der alte Müller nahm also eines Tages seinen unglücklichen Sohn beiseite und sprach zu ihm: “Du siehst aus, als hättest du Sorgen, mein Sohn. Ich will nicht in dich dringen, was dein Kummer ist. Sollte es jedoch mit der Mainacht zu tun haben, so wüßte ich jemanden, der dir helfen kann.”

“Wirklich?” Das Gesicht des jungen Müllers hellte sich augenblicklich auf. “Wer soll das sein?”

“Geh am Freitag in den Wald, wo er am dichtesten ist. Such nach einem Apfelbaum, der dort wächst, und ruf nach dem Mann, den sie Freier nennen. Er weiß mehr als wir gewöhnlichen Sterblichen. Gewiß kann er dir raten.”

Ungeduldig wartete der junge Müller nun darauf, daß es wieder Freitag wurde. Dann machte er sich auf in den Wald.

Tief drang er in das Dickicht ein. Als die alten Bäume immer dichter beieinander standen und das Unterholz kaum noch zu durchdringen war, öffnete sich der Wald auf einmal, und der Müller stand auf einer Lichtung. Mitten auf dieser Lichtung wuchs ein prächtiger Apfelbaum, der gerade zu blühen begann.

Der Müller sah sich um und erhob zaghaft seine Stimme: “Freier? Bist du hier irgendwo? Mein Vater schickt mich!”

Es geschah nichts. Der junge Müller wiederholte seinen Ruf. “Freier! Ich brauche deinen Rat!”

Niemand kam. Nur die Vögel in den grünenden Wipfeln der uralten Eichen ringsum zwitscherten, als lachten sie den dummen Menschen da unten aus.

Der Müller fragte sich, ob sein Vater ihn wohl zum Narren gehalten hatte. Aber das konnte er nicht recht glauben. Wenn es überhaupt Hoffnung für ihn gab, dann konnte es nur dieser geheimnisvolle Mann sein, der hier hausen sollte.

“Freier!” rief er entschlossen. “Ich weiß, daß du hier irgendwo bist! Und ich gehe nicht eher nach Hause, als bis du dich mir gezeigt hast!”

Der junge Müller meinte es ernst. Er setzte sich in das junge Gras unter dem blühenden Apfelbaum, lehnte sich mit dem Rücken gegen den Stamm und wartete.
Der Tag neigte sich dem Abend zu, und es begann zu dämmern, doch der Müller rührte sich nicht vom Fleck. Er wollte größere Säcke haben oder hier sterben. So groß war seine Verzweiflung.

Schließlich überkam ihn die Müdigkeit, und er schlief ein.

“Was willst du, Müller?” fragte plötzlich eine Stimme. Es klang ein wenig wie Donnergrollen.

Der Müller fuhr aus dem Schlaf und riß erschrocken die Augen auf.

Die Nacht war fast vorüber. Vor ihm in der Morgendämmerung stand ein Mann, der war nicht alt, nicht jung, nicht häßlich, nicht schön, nicht groß, nicht klein, halb Mensch, halb Tier. Ein Hirschgeweih zierte seinen Kopf, und seine Beine endeten in Hufen. Er war nackt, und hinter seinem Rücken schwang ein langer, dünner Schwanz mit einem dicken Haarbüschel am Ende ungeduldig von einer Seite auf die andere.
Der Müller sprang auf und stieß einen entsetzten Schrei aus. Der Leibhaftige! Er hatte den Leibhaftigen beschworen! Hastig wollte der junge Mann ein Kreuz vor seiner Brust schlagen.

Da sagte Freier ärgerlich: “Was soll das? Wenn du von deinem Allmächtigen Hilfe erwartest, warum kommst du dann zu mir?”

Der Müller wußte darauf keine Antwort und ließ die Hand sinken. Sein Blick fiel auf die riesigen, prallen Säcke, die Freier bei sich hatte, und seine Augen wurden groß und rund vor Staunen.

“Also, was willst du?” fragte Freier erneut.

“Ich … äh …” Der junge Müller räusperte sich verlegen. Ihm war das alles auf einmal furchtbar peinlich. Er kratzte sich aufgeregt am Kopf und platzte mit seinem Anliegen heraus: “Ich will auch so große Säcke haben wie du!”

Freier lächelte verständnisvoll und meinte: “Gern. Aber erst mußt du drei Rätsel lösen.”

Der Müller seufzte. Das hatte er befürchtet! Natürlich ging es nicht ohne drei Aufgaben, das wußte er ja aus den Märchen seiner Großmutter. Er hätte sich nur gewünscht, es gäbe etwas zu tun anstatt zu denken, denn er hielt sich keineswegs für besonders gewitzt und war daher sicher, daß er an dieser Aufgabe scheitern würde. Aber wo er nun schon einmal hier war, konnte er es wenigstens versuchen.
“Bist du bereit?” erkundigte sich Freier. Der Müller nickte.

“Nun denn! Dies sind meine Fragen: Was ist stärker als ein wütender Stier? Was ist schwächer als ein neugeborenes Lamm? Und was ist blinder als ein Maulwurf?”
Freier sah den jungen Mann erwartungsvoll an. Der schüttelte verzagt den Kopf. “Darüber muß ich erst nachdenken”, sagte er und setzte sich unter den Apfelbaum.
“Gut. Morgen früh komme ich wieder”, entgegnete Freier und verschwand im Wald.
Unser Müller aber grübelte und grübelte. Er schlief nicht, er aß nicht, er trank nicht. Doch am nächsten Morgen war ihm für noch keines der Rätsel die Lösung eingefallen. Auch am darauffolgenden Tag nicht, so sehr er sich auch anstrengte.

“Wenn du bis morgen nicht darauf kommst, wirst du unverrichteter Dinge nach Hause gehen müssen”, warnte Freier, bevor er den Müller ein letztes Mal allein ließ.
Der Müller war so erschöpft vom vielen Grübeln, daß er gar nicht mehr weiter nachdachte, sondern einfach einschlief. Er schlief den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch und kam im nächsten Morgengrauen wieder zu sich. Freier war noch nicht da. Bevor der Müller wieder anfangen konnte nachzudenken, fiel ihm plötzlich die Lösung für alle drei Rätsel ein. Mit einem Triumphschrei sprang er auf die Füße.
In diesem Augenblick trat auch schon Freier aus dem Wald. “Nun, weißt du die Antworten?”

“Ja!” rief der Müller. “Es ist der Mann! Er ist stärker als ein wütender Stier, wenn er seine Kraft mit Vernunft nutzt. Er ist schwächer als ein neugeborenes Lamm, wenn er liebt, und blinder als ein Maulwurf, wenn er nach Wahrheit sucht.”
Freier nickte zufrieden und wandte sich wieder dem Walde zu.

“He!” rief der Müller empört. “Und was ist mit meinen Säcken? Du wolltest sie größer machen!”

“Sind sie schon”, meinte Freier, ohne sich noch einmal umzudrehen, und tauchte ins Unterholz.

Der Müller packte aufgeregt seine Säcke aus. Sie waren zehnmal größer als vorher! Bei keinem der anderen Burschen im Dorf hatte er jemals so große Säcke gesehen – er war gerettet!

“Hab vielen Dank, Freier!” rief er über die leere Lichtung. “Du bist ein echter Freund!” Fröhlich verstaute er seine Säcke wieder.

Als nun die Mainacht herankam, und die unverheirateten Burschen gemeinsam in den Wald zogen, staunten die anderen nicht schlecht, als der Müller stolz seine großen Säcke auspackte.

“Wie hast du das angestellt? Warum sind sie plötzlich so groß geworden?” fragten sie verwundert. “Du hattest doch sonst immer nur ganz kleine!”

Der Müller zuckte nur mit den Schultern und schwieg geheimnisvoll.

Es stellte sich bald heraus, daß er diesmal tatsächlich die größten Säcke von allen hatte. Als man ihm die ersehnte grüne Krone aufsetzte, spürte er, wie sie sogar noch ein Stück größer wurden.

Singend und tanzend brach die nackte Schar der jungen Männer auf und geleitete den Müller, der nun endlich Maikönig geworden war, zu der geheimen Stätte, wo die Hochzeit gefeiert werden sollte.

Wie erwartet, hatten die Mädchen die mittlere Tochter des Besenbinders zu ihrer Königin gekürt, und das junge Paar strahlte sich glücklich an, als sie sich erkannten.
Auch die Königin war nackt bis auf den grünen Kranz in ihrem Haar. Entzückt betrachtete der Müller ihren schlanken, weißen Leib, die üppigen Brüste und den hübschen kleinen Strauchbesen zwischen ihren Schenkeln, der im warmen, flackernden Feuerschein verlockend glänzte. Was für eine Wonne würde es sein, gemeinsam mit diesem anmutigen Geschöpf seine wunderbar großen, prallen Säcke zu leeren! Es würde zwar eine Weile dauern – aber sie hatten ja die ganze Nacht Zeit.

Und so geschah es. Unter den Anfeuerungsrufen der anderen ruhte das junge Paar nicht eher, als bis die königlichen Säcke schlaff und leer waren und die wunderschöne Königin den Inhalt freudig jauchzend entgegengenommen hatte. Nie zuvor war der junge Müller so glücklich gewesen, und er dachte immer wieder dankbar an Freier, den gehörnten Herrn des Waldes, der ihm zu diesem Triumph verholfen hatte!

Als der Müller früh am Morgen völlig erschöpft, aber glücklich in die Mühle zurückkam, schmunzelte sein Vater. Er nörgelte auch nicht, als klar wurde, daß sein Sohn sich heute nicht darum kümmern würde, ob die großen Flügelräder sich im Winde drehten oder nicht. Stillschweigend übernahm er das Tagewerk des wackeren Maikönigs, der im Bett lag und wie ein Stein schlief.

Viele Jahre später – der junge Müller hatte seine Maikönigin längst geheiratet – beklagte sich sein heranwachsender Sohn einmal, daß er seine Säcke zu klein geraten fände. Die anderen Jungen hätten alle viel größere.

Der Müller lächelte und meinte: “Mach dir keine Sorgen deswegen. Ich weiß jemanden, der dir helfen kann …”

Und wenn das Geheimnis nicht inzwischen in Vergessenheit geraten ist, so finden die jungen Männer auch heute noch heraus, woran es liegt, wenn ihnen ihre Säcke nicht groß genug sind.

© Anna Kühne