Die Wasserfee

Es war einmal ein armer Bauernbursche, der hatte nach dem Tode seines Vaters das kümmerliche Anwesen geerbt, auf dem er aufgewachsen war, und bewirtschaftete es nun ganz allein. Von morgens bis abends arbeitete er hart, und seine alte, kranke Mutter half ihm, so gut sie eben noch konnte. Ja, wenn der junge Bauer eine Frau gehabt hätte, so wäre das eine große Erleichterung gewesen! Aber kein Mädchen im Dorf wollte ihn heiraten, denn er war nicht nur arm, sondern auch recht klein geraten und unansehnlich. So blieb er also allein und plackte sich auf seinen drei schmalen, schlechten Feldern ab.

Eines Tages, als er in den Wald gegangen war, um Feuerholz aufzulesen, hörte er plötzlich ein glockenhelles Lachen hinter sich, und er drehte sich um. Aber er konnte nichts sehen. Das Lachen mußte vom Waldsee kommen, der in dieser Richtung lag. Es klang aber so hell und lockend, daß er nicht weiter bei der Arbeit bleiben konnte, sondern gehen mußte, um herauszufinden, welches Mädchen aus seinem Dorfe so wunderbar lachen konnte.

Als er sich dem Waldsee näherte, entdeckte er am Ufer eine schöne junge Frau, die er nicht kannte. Sie saß auf einem Ast, der übers Wasser hing, und spielte mit bunten Schmetterlingen. Und dabei lachte sie immer wieder hell auf vor Freude.

Der junge Bauer konnte den Blick nicht abwenden von soviel Anmut und stand wie gebannt zwischen den Bäumen, verborgen vom Ufergebüsch.

“Warum kommst du nicht her und spielst mit uns?” rief die Schöne plötzlich.

Der Bauernbursche errötete, weil sie ihn doch ertappt hatte. “Ich habe keine Zeit dafür”, antwortete er verlegen. “Wir brauchen Feuerholz für den Winter.”

“Ach, was. Da helfe ich dir dann schon. Jetzt aber spiel mit!”

Zögernd trat der junge Mann hervor. Er fürchtete, sie würde ihn verspotten wie die Dorfmädchen, wenn sie ihn erst erblickte. Doch sie sah ihn nur fröhlich an und pustete die Schmetterlinge zu ihm hin. Da lachte auch er und freute sich an den zarten Dingern, wie sie ihn in buntem Reigen umtanzten. Er pustete sie zu der Frau zurück, die selbst so zart wie ein Schmetterling schien. Ja, er glaubte sogar, ab und zu, wenn das Sonnenlicht in einem bestimmten Winkel auf sie fiel, durchsichtig schimmernde Libellenflügel an ihr zu entdecken. Nachdem sie eine Weile so gespielt hatten, meinte die Wasserfee – denn eine solche war es ganz ohne Zweifel – endlich zu ihm:

“Komm, laß uns etwas anderes spielen. Zieh dich aus.”

“Wie?” Der junge Bauer glaubte, sich verhört zu haben.

Doch sie bestand darauf, daß er sich splitterfasernackt auszog. Ihm war nicht ganz wohl dabei, wie sie nun an ihn herantrat, aber er atmete erleichtert auf, denn sie war sogar noch kleiner als er. Auch sie warf nun übermütig ihre spinnwebzarten Kleider ab, betrachtete ihn neugierig – und runzelte die Stirn.

“Was versteckst du dort hinter deinen Händen?”

Der junge Bauer errötete erneut und antwortete: “Das ist nur mein Freund, der Spaßmacher.”

“Ein Spaßmacher? Das ist ja wunderbar. Ich will ihn sehen. Zeig her!” Sie stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf, daß das Wasser des Waldsees feine Wellen schlug, und blitzte den jungen Mann zornig an, weil er zögerte. Er wollte sie aber um nichts in der Welt verärgern und nahm die Hände fort.

Sie sah gespannt auf den großen, wippenden Gesellen und wartete.

“Wenn er ein Spaßmacher ist, dann muß er aber auch Spaß machen, sonst macht es keinen Spaß”, beschwerte sie sich bald.

Der junge Bauer wußte nicht, wohin er sehen sollte, so verlegen war er.

“Er soll mir jetzt Spaß machen!” Wieder stampfte die kleine Schöne mit dem Fuß auf. Das Wasser des Waldsees schlug kräftige Wellen.

Es half nichts, er mußte seinen Spaßmacher Spaß machen lassen, und das zierliche Fräulein jauchzte und freute sich so ausgelassen darüber, daß es im ganzen Walde widerhallte.

“Oh, weh! Ich war zu wild”, schluchzte sie, als sie sich den fröhlichen Gesellen recht besah. “Jetzt hab ich ihn verstimmt! Sieh nur, wie er sich grämt! Gewiß macht er nie wieder Spaß mit mir.”
“Ach, liebes Kind”, tröstete sie der junge Bauer. “Er ist nur etwas erschöpft.
Solche Späße strengen ihn mehr an als man meinen möchte. Auch muß ich jetzt zurück an die Arbeit. Bald schon bricht der Abend herein.”

Sie streichelte liebevoll den ermatteten Spaßmacher und lachte schon wieder. “Ihr zwei habt mir heute große Freude bereitet. Wenn ihr zurückgeht, werdet ihr einen großen Haufen Feuerholz finden, fertig gesägt und gespalten. Aber versprecht mir, daß ihr zwei von nun an jeden Tag hierher kommt und mit mir spielt!”

Das versprach der junge Bauer gern.

Von diesem Tag an aber gelang und gedieh ihm alles, was er anpackte. Die drei schmalen Felder strotzten vor Fruchtbarkeit, sein Vieh war gesund und mehrte sich unaufhörlich. Selbst seine alte Mutter genas von ihrer Krankheit. Das erstaunlichste aber war, daß kein Mädchen ihn mehr verspottete oder auch nur verächtlich ansah. Im Gegenteil, die Brautwerber klopften immer wieder an seine Tür! Er heiratete bald ein kleines, liebes Bauernmädchen und lebte glücklich und in großem Wohlstand mit ihr. Viele Kinder hatten sie und noch mehr Enkelkinder, und des Frohsinns war kein Ende.

Und wenn er nicht gestorben ist, so geht der kleine Bauer noch bis auf den heutigen Tag an den Waldsee und erfreut die Wasserfee mit seinem großen Spaßmacher.

&copy Anna Kühne