Der goldene Mörser

Es war einmal in einem fernen, neunmal weiten Königreich eine wunderschöne Prinzessin, die besaß alle Tugenden, die man sich vorstellen konnte. Doch über dem Reich ihrer Vaters lag ein böser Zauber. Das Land war öd und kahl, die Vögel blieben stumm, Mensch und Tier darbten, es wurden keine Kinder und keine Jungtiere geboren, das Leben war freudlos und traurig.

Die Prinzessin nämlich nannte einen goldenen Mörser ihr eigen, in welchem kein Stößel etwas mahlen konnte, weil er so winzig klein war. Der Zauber aber forderte, daß ein Scheffel Korn damit zu Mehl gemahlen werden mußte, bevor das Land seine Fruchtbarkeit zurück erhielt. Die Handwerker des Königreiches waren seit Jahren mit nichts anderem beschäftigt, als zu versuchen, einen Stößel zu fertigen, der in den Mörser der schönen Prinzessin paßte. Doch jedes Mal, wenn man sich endlich am Ziel glaubte und der Stößel kleiner war als alle, die man je gemacht hatte – erwies sich er noch immer als zu groß.

Der König war verzweifelt, seine Minister, die Königin – und natürlich die Prinzessin selbst, die schon so manches Mal den Mörser am liebsten auf den Mist geworfen hätte. Aber das hätte ja nichts geholfen, der Zauber mußte gelöst werden. Da man also im eigenen Land keinen passenden Stößel machen konnte, ließ der König ein Bild von seiner lieblichen Tochter malen, und eins von dem vermaledeiten Mörser dazu, und schickte seinen treuesten Boten damit in die Welt, in der Hoffnung, jemand fände sich, der das Land erlösen konnte. Wessen Stößel in den Mörser der Prinzessin paßte, so versprach er, dem würde er seine Tochter zur Frau geben und das halbe Königreich dazu.

Der Bote kam durch viele Länder, und überall lachte man herzlich über den winzigen Mörser, für den er einen Stößel suchen sollte. Überall aber bewunderte man auch die Schönheit der Prinzessin, und manch einer bedauerte es sehr, daß eine so schwierige Aufgabe gelöst werden mußte, um sie zu erlangen.

Auch ein Spielmann hörte eines Tages von dem Mörser, und als er erst das Bild der schönen Prinzessin gesehen hatte, da war es um ihn geschehen. Die Sache mit dem Mörser bereitete einem wie ihm die geringste Sorge. Er war schon weit in der Welt herum gekommen, hatte viele merkwürdige Dinge gesehen und manche Kunst erlernt, die den Nichtfahrenden verborgen blieb. Also machte er sich auf in das ferne, neunmal weite Königreich, um die liebliche Prinzessin zu erringen.

Als er nach langer Wanderschaft am Hofe angekommen war, ließ ihn der König sogleich zu sich rufen.

“Ich höre, du willst Deinen Stößel am Mörser meiner Tochter versuchen?” erkundigte er sich erfreut. Schon lange war niemand mehr zu diesem Zweck im neunmal weiten Königreich gewesen, und alle hatten schon geglaubt, die Hoffnung auf eine Erlösung für immer begraben zu müssen.

“Das will ich gern, Eure Majestät”, sprach der Spielmann. “Obgleich ich nicht versprechen kann, daß er paßt.”

“Zeig ihn doch einmal her”, ließ sich da die Königin neugierig vernehmen. “Er muß nämlich sehr, sehr klein sein, damit du damit mahlen kannst.”

Kaum hatte aber der Spielmann seinen Stößel hervorgeholt, schlug sie beide Hände über dem Kopf zusammen. “Um Himmels Willen, Spielmann, wie kommst du auf die Idee, daß dieses große Ding in den winzigen Mörser der Prinzessin passen könnte?! Dieser Stößel ist zehnmal zu groß, ganz sicher. Das brauchst du gar nicht erst zu versuchen.”

“Ich will es trotzdem probieren”, entgegnete der Spielmann unbekümmert. “Soll Eure Tochter mir den Mörser doch erst einmal zeigen. Bisher habe ich ja nur ein Bild von ihm gesehen.”

Man ließ also die Prinzessin holen und hieß sie dem Spielmann den goldenen Mörser zeigen.

Erstaunt hob der Spielmann die Brauen. Tatsächlich, der Mörser war noch kleiner, als es auf dem Gemälde ausgesehen hatte. Doch andererseits übertraf die Schönheit der Prinzessin das Bildnis ebenfalls.

“Laßt es mich versuchen, Herr König”, bat er.

“Das werde ich nicht, junger Mann”, empörte sich der König. “Du wirst den Mörser nur zerbrechen, und dann ist alles verloren!”

“Ganz gewiß werde ich keinen Schaden anrichten, Majestät” versicherte der Spielmann. “Alles was ich brauche ist eine Kammer mit steinernem Fußboden, ein breites, gehobeltes Eichenbrett und ein Scheffel Korn. Und die Prinzessin mit dem Mörser natürlich.”

Der König und die Königin sahen einander zweifelnd an. Doch dann hoben sie beide die Schultern und willigten ein. Denn schließlich – welche Wahl hatten sie schon?

Man schloß also den Spielmann mit der Prinzessin und den gewünschten Dingen über Nacht in die Kammer mit dem steinernen Fußboden ein.

Ängstlich sah die Prinzessin den Spielmann an. “Und jetzt?”

Der Spielmann legte seinen Wandersack beiseite, zog sein Wams aus, reckte sich ordentlich, daß es in seinen Gliedern knackte, und antwortete:
“Jetzt werde ich erst einmal mit dem Mörser reden.”

“Reden?” Der Prinzessin blieb vor Staunen der Mund offen.

Der Spielmann streute das Korn auf den Boden, legte das breite, gehobelte Eichenbrett darüber und sprach dann zur Prinzessin:

“Stellt den Mörser so auf das Brett, daß ich ihn gut sehen kann.”
Als dies geschehen war, ließ der Spielmann sich vor dem Mörser nieder und begann, in einer unverständlichen Sprache auf ihn einzureden. Und während er so vor sich hin brabbelte, langte er heimlich in seinen Wandersack, zog eine Schwanendaune hervor und streichelte damit den Rand des Mörsers.
“Was tut ihr da?” wunderte sich die Prinzessin.

“Ich rede mit Eurem Mörser.”

“Ach so.”

Als er den Rand des goldenen Mörsers eine Weile gestreichelt hatte, begann dieser sich wie durch Zauber zu weiten. Aber er war noch längst nicht weit genug.

Der Spielmann hörte auf zu brabbeln und begann nun ganz vorsichtig, den Rand des Mörsers mit seiner Zunge zu befeuchten.

“Was tut Ihr da?” wunderte sich die Prinzessin.

“Ich flüstere Eurem Mörser etwas zu.”

“Was sagt Ihr ihm denn?”

“Daß er ein sehr schöner Mörser ist und daß mein Stößel ganz freundlich zu ihm sein wird, wenn er ihn einläßt.”

“Ach so.”

Der Spielmann fuhr fort, den Rand des goldenen Mörsers zu belecken, wobei er hin und wieder auch das kleine Krönchen bedachte, welches das Gerät in ganz königlicher Manier zierte.

Der Prinzessin entfuhr ein spitzer Schrei der Überraschung, denn sie bemerkte nun, um wieviel größer der Mörser bereits geworden war.

“Ihr seid ein Zauberer, Herr Spielmann”, jubelte sie. “Ob der Stößel schon paßt?”
“Das werden wir gleich sehen, Prinzessin.”

Der Spielmann holte seinen Stößel hervor und siehe, er glitt so leicht in den Mörser, als wären sie für einander geschaffen worden. Alles, was nun noch zu tun übrig blieb, war, das Korn zu Mehl zu mahlen.

“Helft mir, Prinzessin”, rief er. “Setzt Euch dicht zu mir, damit wir uns beim Mahlen abwechseln können.” Mit vereinten Kräften ließen sie den Stößel im Mörser kreisen, so heftig, daß das Brett, auf welchem sie saßen, über dem Korn hin und her rutschte und das Korn also im Laufe der Nacht gemahlen wurde.
Als sie gegen Morgen erschöpft einschliefen, begannen draußen zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder die Vögel zu singen. Die Leute im Land wußten sich nicht zu lassen vor Freude, als sie ins Freie traten: Überall grünte und blühte es, die Tiere taten sich an dem frischen Futter gütlich, männliche und weibliche Wesen fielen wie ausgehungert übereinander her, als gelte es, an einem Tag eine neue Welt zu bevölkern. Der Zauber war gebrochen.

Der König aber hielt sein Wort und vermählte seine goldhaarige Tochter mit dem Spielmann, der mit ihrem Mörser zu mahlen verstanden hatte. Obendrein gab er ihm das halbe Königreich, und sie alle lebten glücklich und zufrieden.

Mörser aber wurden überall im Land hoch in Ehren gehalten, und ebenso die Stößel, ohne die jeder Mörser zu nichts nutze ist, sei er von Gold oder von braunem Ton. Und wenn sie nicht gestorben sind, so sehen die Prinzessin und ihr Spielmann noch heute regelmäßig nach, ob der Mörser nicht etwa wieder zu klein geworden ist…

© Anna Kühne