Minnesang

Es gibt da im Sommer immer diese Mittelaltermärkte, wo man meist einen gepfefferten Eintrittspreis zu zahlen hat, um dann zusehen zu dürfen, wie diverse Freaks mehr oder weniger altertümlich gekleidet einherstolzieren und die Besucher mit merkwürdig verdrehten Worten anreden. Na gut, altes Handwerk gibt es dort auch, vorsichtige Schaukämpfe von hochmütigen Rittern, Wahrsager, Narren und sonst noch allerlei skurrile Typen. Musik bekommt man ebenfalls zu hören, ziemlich schräg und oft haarscharf an der Grenze zu dem, was ein modernes Ohr sich zumuten sollte.

Die solche Musik verursachen wiederum, sind die Durchgeknalltesten von allen. Meist sind sie, das muß ich zugeben, von der Natur gnädig bedacht, sich dessen aber ebenso oft allzu sehr bewußt. Bei manchen merkt man, daß ihnen wirklich daran liegt, dem unwissenden Volk ungewöhnliche Töne aus der eigenen Vergangenheit vertraut zu machen. Andere scheinen lediglich Spaß am Krawall und der damit erlangten Aufmerksamkeit zu haben. Einmal aber hab ich einen getroffen, der hat mich wirklich beeindruckt.

Der Markt fand am Rande eines alten Klosters statt. Ich war wie immer unfähig, mich von all den gebotenen Attraktionen faszinieren zu lassen. Ich konnte mein Wissen, daß dies alles nicht echt, sondern nur nachempfunden war, einfach nicht in den Hintergrund schieben. Es erschien mir platt und theatralisch, was da veranstaltet wurde, und ich zog mich bald zurück.

Es führte ein Weg zum See. Langsam schlenderte ich ihn entlang. Es war eigentlich nur ein ausgetretener Pfad, jetzt im Sommer häufiger benutzt als im Winter. Ich hatte vor, ein wenig am Ufer zu sitzen, ins Wasser zu sehen, und darüber nachzudenken, warum andere sich von solchen Bemühungen, die Vergangenheit lebendig zu machen, einfangen ließen.

Ich kam an einer Wiese mit einer mächtigen, jahrhundertealten Linde vorbei, die ihre Zweige wie offene Arme dem Himmel entgegenreckte. Es war ziemlich heiß, und der Baum spendete kühlen Schatten. Kurz entschlossen ließ ich mich im schattigen Gras nieder.

Offensichtlich war schon vor mir jemand hier gewesen. An einer Stelle war das Gras flachgelegen, zerdrückte Blumen lagen herum. Ich betrachtete sie, und machte mir unbewußt meine Gedanken. Hatten sich hier zwei gestritten? Er hat ihr Blumen gebracht, die sie später wütend verstreut? Oder eine Familie mit Kindern. Die Kinder haben Wiesenblumen gepflückt und sie dann achtlos liegenlassen? Nein, für einen Strauß waren es zu viele Blumen. Sie bildeten ja ein regelrechtes Bett im Gras und waren auch so zerdrückt, als hätte tatsächlich jemand darauf geschlafen. Aber wer pflückt Blumen, um sich anschließend auf sie zu legen?

Der Wind trug einige leise Töne heran. Sie kamen vom Seeufer her. Ich horchte auf, doch es war wieder still, und ich glaubte schon, mich geirrt zu haben. Da hörte ich sie wieder. Es waren glasklar perlende Harfentöne, so schön, daß mir ein wohliger Schauer den Rücken hinunter lief. Unwiderstehliche Neugier packte mich und ich stand auf, um doch noch zum Ufer zu gehen. Ich wollte wenigstens sehen, wer da so weit abseits des Spektakels in romantischer Einsamkeit Harfe spielte.

Mein Ohren waren ganz auf Empfang gestellt, und mich nähernd, hörte ich mehr und mehr eine zusammenhängende Melodie, und schließlich auch eine Stimme, die dazu sang.

Als ich den See erreichte, war die Musik verstummt. Zwischen den Erlen und Buchen am Ufer lagen ein paar granitene Felsbrocken, zurückgelassen von der letzten großen Eiszeit. Sie waren nicht riesig, nur etwa kniehoch, so daß man gerade bequem darauf sitzen konnte.

Ein Mann saß dort. Offensichtlich einer von den Marktleuten, denn er trug so ein tunikaartiges Gewand, wie man es auch aus Ritterfilmen kennt. Er hatte die Beine übereinander geschlagen, einen Ellenbogen auf das Knie und das Kinn in die Hand gestützt und sah übers Wasser. Neben ihm war die kleine Harfe, auf der er zuvor gespielt hatte, an den Stein gelehnt. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, da er mir den Rücken zukehrte. Ich war mir nicht schlüssig, ob ich ihn in Ruhe lassen oder meiner Neugier nachgeben und ihn ansprechen sollte.

Schweigend betrachtete ich seinen Rücken. Es war kein besonders muskulöser Rücken, aber die Schultern wirkten auch alles andere als schwach oder schlaff. Durch den Stoff seines Gewandes zeichnete sich ein sehniger, schlanker Körper ab. Wenn er stand, mußte dieser Mann eine aufrechte und selbstbewußte Haltung haben. Es war unmöglich, sein Alter zu schätzen. Er hatte glattes, dunkles Haar. Es schien von silbernen Strähnen durchzogen zu sein, aber das hieß ja nichts. Manche sind mit dreißig schon schlohweiß, andere haben mit siebzig noch kein einziges graues Haar.

Sollte ich ihn ansprechen oder nicht?

Er nahm mir die Entscheidung ab, indem er sich zu mir umwandte. Er lächelte, als er mich da stehen sah.

“Ihr seid recht wohlgetan, Weib. Kommt näher nur, daß ich Euch fest unter die Augen sehen kann.”

Ich stieß einen enttäuschten Seufzer aus. Noch so ein Verrückter, der altertümlich daherreden mußte, wo immer man ihn antraf! Aber er sah nicht übel aus. Nicht unbedingt hübsch zwar im üblichen Sinne, sondern – es war mehr sein Gesichtsausdruck. Er schien sehr intelligent, dabei ganz und gar uneitel und dennoch selbstsicher. Die freundlichen Worte in all ihrer Verdrehtheit klangen aus seinem Munde so selbstverständlich, daß es durchaus einen gewissen Reiz hatte.
“Okay”, erwiderte ich. “Aber sprich normal mit mir, ja?”

Er hob erstaunt die Augenbrauen. Sein Gesicht drückte derartige Verständnislosigkeit aus, daß ich beinahe geglaubt hätte, er verstünde tatsächlich nicht, was ich gerade gesagt hatte.

“Was seltsam Zunge Ihr sprecht!”

Ich verdrehte die Augen. “Stell dich nicht dumm, ja? Sonst geh ich wieder.”

Das schien er verstanden zu haben. Er machte eine bedauernde Geste und deutete einladend auf den Stein neben sich. Als ich mich dort niedergesetzt hatte, betrachtete er mich ungeniert. Einerseits fand ich seine unbefangene Bewunderung schmeichelhaft, andererseits war es mir peinlich. Ich wollte doch nichts mit ihm anfangen!

“Ich hab deine Harfe gehört”, versuchte ich ihn abzulenken.

“Gefiel Euch mein Spiel?”

“Ja, sehr.” Ich beschloß, seinen Spleen zu ignorieren. “Spielst du noch was?”

Seine Augen strahlten auf. “Mit Freuden tu ich so!”

Er hob das Instrument zu sich herauf, nahm es sorgsam in den Arm und zupfte die Saiten. Wieder ertönten die wunderbaren Klänge, die mich her gelockt hatten. Die Harfe hatte offensichtlich schon einiges von der Welt gesehen, das Holz sah reichlich abgenutzt aus und die früheren Verzierungen waren kaum noch zu erahnen.

Der Mann begann zu singen, und ich hielt den Atem an. Das Lied war in irgendeiner Sprache verfaßt, die wie sehr altertümliches Deutsch klang. Doch was mich so berührte, war nicht der Text, den ich kaum verstand, sondern die verhaltene Leidenschaft, mit der er sang. Er hatte eine kräftige, volltönende Stimme, und ich war mir sicher, daß er auch andere Lieder kannte, die er eher voller Zorn herausschmetterte. Doch dieses hier war eine Art Lobgesang auf die Schönheit einer Frau, und so bewundernd, wie er mich dabei anschaute, meinte er mich.

Verlegenheit ließ mich erröten wie ein kleines Mädchen. Ich hatte mich noch nie besonders schön gefunden. Ich fand meine Nase zu groß, meine Beine zu dick, meinen Hintern zu ausladend, meine Haare zu dünn und was nicht alles. Doch dieser Mann hier mit seinen Augen, die mich gerade so ohne jeden Spott anhimmelten, dieser Fremde mit seinem Loblied auf mich waren reiner Balsam für meine Seele. Ich vergaß seine alberne Art zu reden und lächelte.

Er lächelte ebenfalls, als er geendet hatte.

“Wie nennt man Euch?” fragte er mich.

“Carola.”

“Carola?”, wiederholte er und lauschte dem Klang nach. Er strich einen Akkord auf der Harfe, als wolle er den Namen in Töne fassen.

Ich sah ihn an wie einen Zauberer. Nein, er versuchte nicht, mich zu verspotten. Ich spürte, daß dies auch keine ganz besonders abgefahrene Art von Anmache war, sondern der Ausdruck einer Liebe, die sein ganzes Herz ausfüllte und wohl nicht mir allein, sondern Frauen im allgemeinen galt. Dennoch, es tat mir unendlich gut, und mein Name, den ich bisher eher langweilig und gewöhnlich gefunden hatte, erschien mir plötzlich klangvoll und einmalig schön. Noch nie hatte jemand meinen Namen so ausgesprochen wie er.

“Und wer bist du?” fragte ich zurück.

Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite, sah mich keck an und strich erneut über die Saiten: “Walther.”

“Wie der von der Vogelweide?”

Er hob erstaunt die Augenbrauen: “Man kennt meinen Namen hier? Das deucht mich große Ehr, fürwahr.”

“Ist ja gut”, wehrte ich ab. “Den spielst du also, hab’s kapiert.”

Er machte ein unglückliches Gesicht, als er meinen ungeduldigen Tonfall hörte.
“Hab Euren Zorn ich nun gewecket? Das nimmt mir alle Freud.”

“Nein, du gehst mir nur auf die Nerven mit diesem Mittelaltergequatsche. Das ist alles. Aber du singst und spielst sehr schön.” Ich war gnadenlos, aber ehrlich. So bin ich nun mal.

Er deutete eine Verbeugung an, lächelte wieder und griff noch einmal in die Saiten. Diesmal verstand ich überraschend viel vom Text. Es schien um die Linde zu gehen, unter der ich vorhin gesessen hatte. Auch die Blumen und das niedergedrückte Gras wurden erwähnt. Es ging um Küssen und ein kleines Vögelein. Am schönsten fand ich das immer wiederkehrende “Tandaradei”.
“Das hast du selbst gemacht?” fragte ich, als der letzte Akkord verklungen war.
“Recht wohl, das hab ich, Weib. Wie alle meine Kunst. Es tut mir nicht not, darin von anderen zu borgen.”

Er sagte das mit solchem Stolz, daß ich an meinen Zweifeln zu zweifeln begann. Ich betrachtete ihn genauer. Er sah nicht besonders prächtig aus in seinem ausgeblichenen Gewand mit dem abgenutzten Gürtel und mit den löchrigen Schuhen. Ein zusammengerollter Mantel lag als Bündel auf der Erde.

Er bemerkte meinen Blick. “Ich bin ein arm Mann, das ist wohl wahr. Doch hab ich Würdigkeit genug, wie nieder man mich auch acht!” Mit einer heftigen Bewegung stellte er die Harfe wieder auf den mit trockenen Blättern bedeckten Boden.
Ich sah ihn an und wußte, daß er recht hatte. Er hielt viel von sich, ohne dabei im geringsten lächerlich zu wirken.

Um so mehr fühlte ich mich geschmeichelt, daß er auch von mir so viel zu halten schien. Gleich, ob er der echte Walther war oder nicht – er war auf jeden Fall ein Mann, wie ich noch keinem begegnet war.

Er bemerkte wohl, daß ich ihn durchaus nicht verachtete. Seine Stirnfalten glätteten sich, und er lehnte sich zu mir herüber.

“Carola?” Seine Stimme glich dem Gurren einer Taube, und sein Blick war die Verführung selbst.

“Ja?”

“Mögt Ihr mich küssen?”

Ich fand das zwar frech, aber ich fand auch, daß ihm ein Kuß zustand, wo er meine Seele so gestreichelt hatte mit seiner Musik und der Art, wie er meinen Namen aussprach. Bereitwillig rückte ich näher zu ihm heran.

Er verstand auch diese Kunst, das muß ich ihm lassen. Er zwängte nicht seine Zunge in meinen Mund, wie ich heimlich befürchtet hatte, sondern ließ mir Zeit zu entscheiden, ob ich ihn einlassen wollte oder nicht. Weich waren seine Lippen, so daß sich meine entspannten und wie von selbst öffneten. Und auch da wurde er noch nicht ungestüm. Behutsam tastete er sich vor, als sei er in Feindesland. Erst als er merkte, daß er in der Tat willkommen war, gab er sich ganz hin. Nie war ich so geküßt worden. Ich schmolz dahin, verlor den Halt, doch ich wurde aufgefangen von überraschend starken Händen. Als wir uns schließlich voneinander lösten, sank ich wie erschöpft gegen seine Brust. Selbst der durchdringende Geruch seines Gewandes störte mich in diesem Augenblick nicht. Ich hätte nicht sagen können, wie lange wir uns geküßt hatten. Eine Minute? Eine Stunde?

Schließlich kam ich zur Besinnung. Ich wand mich aus seinen Armen und stand auf.

“Ich muß gehen. Meine Freunde suchen mich bestimmt schon.”
“Ihr bleibet nicht? Das tut mir weh.” Er erhob sich ebenfalls und machte ein betrübtes Gesicht.

Ich wußte darauf nichts zu antworten, zuckte nur bedauernd mit den Schultern. Es war die Wahrheit, keine Ausrede. Die anderen wunderten sich garantiert, wo ich abgeblieben war. Außerdem wollte ich nicht die Abfahrt mit dem Auto verpassen. Für ein Bahnticket hatte ich nicht genug Geld dabei. – Und er war sowieso zu alt für mich.

Aber er lächelte ja schon wieder. “Lieber ein ehrliches Nein als zwei gelogene Ja, ist meiner Rede oft. So fahr dahin, meins Herzens Freud!”

Noch zögerte ich, aber er schien es wirklich nicht krumm zu nehmen.
“Also dann – tschüß!”

Ich ging und sah mich nicht mehr um. Es war fast eine Flucht.

Wie vermutet, hatte man mich bereits vermißt. ?Wo warst du denn, Caro? Hast echt was verpaßt. Die hatten so Stelzenläufer hier, echt irre. Wo warst du??

?Ach, nur am See?, sagte ich.

Bevor wir uns auf den Nachhauseweg machten, wandte ich mich noch an einen der Musiker, der sich bei der hölzernen Bühne zu schaffen machte. ?Sagt mal, habt ihr einen hier, der sich Walther von der Vogelweide nennt??

?Nicht, daß ich wüßte.? Er richtete sich auf und hantierte mit einem merkwürdigen Blasinstrument. ?Einen Oswald haben wir hier, aber der nennt sich bewußt nicht ?von Wolkenstein?. Fänd ich auch ziemlich vermessen, sich an den Namen von so Großen zu vergreifen. Kann nur peinlich werden.?
Ich nickte zustimmend und bedankte mich.

Noch heute rufe ich mir manchmal ins Gedächtnis zurück, wie wunderschön man meinen Namen aussprechen kann: ?Carola??

...................................................................................................... © Anna Kühne