Zweite Sonne

Das Wetter war herrlich an unserem Tag der ersten Begegnung. Ich arbeitete als Gärtnerin im Tierpark, gleich hinter dem Schloß. Es war ein toller Job, fand ich. Meine romantischsten Vorstellungen hatten sich erfüllt, ohne daß ich vorher ernsthaft daran geglaubt hatte.

Die Ausbildung hatte mir zunächst weismachen wollen, der Gärtnerberuf habe nichts mit Strohhut und hübschen Rabatten zu tun. Ich sammelte statt dessen eimerweise weiße Raupen von endlosen Chrysanthemenbeeten, erntete wochenlang Freesien, träumte nachts vom Nelken Ausbrechen und Tulpenzwiebeln Verlesen. Hin und wieder, wenn ich zur Abwechslung in der Beet- und Balkonpflanzenabteilung arbeitete, war ich für Tage mit nichts anderem beschäftigt als Petunien für den Verkauf zu sortieren oder Tausende von Begonien umzutopfen, und ich begann zu zweifeln, ob ich mich für den richtigen Beruf entschieden hatte. Dann aber kam ich durch Zufall an den Job im Tierpark, und die Zweifel verschwanden auf Nimmerwiedersehen.

Da war ich also wieder einmal seit dem frühen Morgen in meinem Revier und jätete Unkraut in der Sommerblumenbepflanzung der barocken Gartenanlage. Nebenbei zählte ich, wie viele Buchsbaumpflanzen ich in der diesjährigen Saison in den Beetumrandungen auszuwechseln haben würde. Drüben an einem der anderen Beete arbeitete meine Kollegin Anita. Als es gegen Mittag richtig warm wurde, die Besucher längst überall herumspazierten und die Sonne genossen, stand ich zum ungezählten Male auf und dehnte meinen geplagten Rücken. Dabei ließ ich gewohnheitsmäßig den Blick umherschweifen. Na bitte, dachte ich. Da hat es sich ja schon wieder einer auf der Böschung bequem gemacht!

Die mit Rollrasen geflickten Böschungen des Wassergrabens, der die Anlage an drei Seiten einfaßte, waren unsere Sorgenkinder. Es waren leider keine Berieselungsanlagen dafür vorhanden, was uns die Arbeit ja auch zu einfach gemacht hätte. Das Wässern mit dem Schlauch brachte nicht viel, da das Wasser natürlich zum Graben hin ablief, die Böschung also oben immer zu trocken war. Das Mähen machte es nicht besser, die Rundungen wurden trotz aller Vorsicht immer zu kurz geschnitten. Der Rasen verbrannte in der Sonne, wurde häßlich gelb und bekam kahle Stellen. Schließlich hatte der Meister beschlossen, die Rundungen mit neuem Rollrasen auszulegen. Letzte Woche waren die Kollegen damit fertig geworden. Und schon fläzte sich wieder so ein Ignorant auf die in frischem Grün strahlende Böschungskuppe!

Ich machte mir nicht die Mühe, meine Hände auch nur andeutungsweise zu säubern. Ich schämte mich meiner Maulwurfskrallen nicht – im Gegenteil. Grimmig marschierte ich hinüber.

Es war ein bleicher Kerl, so Ende Zwanzig, ganz in Schwarz gekleidet und mit Walkmanstöpseln in den Ohren. Er lag in der Sonne, die Arme im Nacken verschränkt, und ich konnte die Musik bis zu mir hören. Der mußte fast taub sein. Ich blieb stehen und lauschte.

Tatsächlich, ich erkannte die Musik. Und sie nahm mir etwas von meiner Angriffslust. Ich hockte mich neben ihn, so daß der Schatten meines breitkrempigen Strohhutes auf sein Gesicht fiel. Hören würde er mich sowieso nicht.

Es dauerte nicht lange, da blinzelte er. Doch statt sich erschreckt aufzusetzen, öffnete er nur weit die Augen und sah mich ausdruckslos an. Ich fragte mich, ob er wohl unter Drogen stand, und ein leichtes Grauen erfaßte mich.

Mit den Händen deutete ich auf meine Ohren.

Er verstand, griff in die ausgebeulte Tasche seiner Lederweste, schaltete den Lärm ab und entstöpselte sein linkes Ohr. Fragend hob er die Augenbrauen.

“Finden Sie nicht, daß Bruckner bei diesem Wetter eher unangebracht ist? Und besonders dieses Stück?”

“Was wollen Sie?” Seine Stimme klang unwillig und abweisend.

Ich erhob mich und schaute nun von weit oben auf ihn herab. Er hatte seine Chance gehabt, die Angelegenheit freundlich zu klären.

“Da vorn am Eingang zu dieser Anlage stehen Schilder: Die Rasenflächen bitte nicht betreten!”

“Hab ich nicht gesehen.” Er machte keine Anstalten aufzustehen.

Ich holte tief Luft. “Würden Sie bitte aufstehen und die Böschung verlassen. Hier ist gerade erst Rollrasen verlegt worden.” Höflich war ich noch, freundlich keineswegs.

Er steckte sich in aller Ruhe den Stöpsel wieder ins Ohr, schaltete den Apparat an – und erhob sich. Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, wischte er sich den rasenfeuchten Hosenboden ab und schlenderte in Richtung Schloß davon.

“Pha!” machte ich wie eine kleine Göre und streckte ihm die Zunge hinterher. In diesem Augenblick wandte er sich um. Fast hätte ich mir auf die Zunge gebissen vor Schreck. Ich wandte mich schnell ab, aber er hatte es sicher noch gesehen.

Einige Tage später sah ich ihn wieder. Die Sonne schien diesmal nicht, und ich entdeckte ihn nur zufällig. Er saß auf einer Bank am Eingang zum Nordparterre, meinem Revier, und schien zu mir herüberzusehen.

“Ach, nee”, sagte ich halblaut vor mich hin. “Meinst du, du kannst mich so aus der Fassung bringen?”

Er konnte.

Ich fühlte mich noch beobachtet, als er schon längst fort war. ?Blödmann!’ dachte ich, ziemlich aus der Fassung.

Ich fing an, nachts von ihm zu träumen, und fand das unheimlich. Ja, schon, seine Bewegungen waren sehr leicht und geschmeidig gewesen, als er da vom Rasen aufgestanden war. Ich ertappte mich dabei, wie ich zu der Stelle hinübersah und mich erinnerte, daß er an einem strahlend schönen Tag dort gelegen und Bruckners achte Sinfonie gehört hatte. Die Todessinfonie. ?Ein bißchen gestört muß man dafür schon sein’, dachte ich.

Er kam von jetzt an öfter, saß auf der Bank beim Eingang und sah uns stundenlang bei der Arbeit zu. Er selbst schien nichts weiter zu tun zu haben. Das machte mich noch gereizter.

Eines Tages kam er herüber in die Anlage und tat etwas ganz Unerhörtes. Er begann, in aller Seelenruhe und vor unseren Augen Blumen zu pflücken. Für ein paar Sekunden bekam ich den Mund nicht zu. Bei Kindern sagten wir gewöhnlich nicht gleich etwas, nur, wenn das “Blümschn flückn” in wildes Rupfen auszuarten drohte. Aber ein Erwachsener! Ich schluckte und wechselte einen Blick mit Anita. “Geh du”, bat ich.

Sie stiefelte in ihren Gummibotten hin und stellte ihn zur Rede. Ich sah sie gestikulieren und war sicher, sie ließ ihrer spitzen Zunge freien Lauf.
Er sah auf sie herab wie einer der Riesen auf das tapfere Schneiderlein und hörte sich ihren Redeschwall ungerührt an. Dann antwortete er etwas, zu leise, als daß ich es hätte bis hierher hören können. Ich sah, daß Anita stutzte und nichts erwiderte, was ungewöhnlich war.

Ich sah, wie er sich umwandte und ging. Mit einer Handvoll leuchtend gelber Ringelblumen.

“Was hat er gesagt?” erkundigte ich mich ungeduldig, als Anita zurückkam.
Sie sah mich merkwürdig an. “Er wolle sich ein bißchen Sonne mitnehmen. In seiner Welt sei es so dunkel.”

“Der spinnt doch total.”

“Aber hallo.”

“Nächstes Mal drücke ich ihm einen Zettel mit der Adresse von ‘nem Psychiater in die Hand.”

“Kriegst du glatt fertig”, kicherte Anita.

Hätte ich wirklich fast. Ich trug das entsprechende Stück Papier tagelang in meiner Latzhose mit mir herum.

Aber dann kam alles ganz anders.

Eines frühen Morgens, als ich gerade mit Papiersammeln fertig geworden war, kam ich von den Mülltonnen wieder zurück in die Anlage und erstarrte fast zur Salzsäule. Überall auf dem Mittelweg lagen weiße Papierschnipsel verstreut.

Ich sah mich wild um. Wo versteckte er sich, dieser Kranke? Fand er das vielleicht witzig? Ich war bereit, ihm an die Gurgel zu gehen, sobald ich ihn nur erblickte!

Ich griff erneut zum Laubbesen und kehrte mit heftigen Bewegungen die Schnipsel zusammen, innerlich vor Wut kochend. Wo der Weg zum Schloß hin anstieg, lag ein letztes, besonders großes Stück Papier.

Und eine wunderschöne, taufrische, duftende, zartgelbe Rose.

Das Papier war sorgsam gefaltet. Den Laubbesen in den linken Ellenbogen geklemmt, faltete ich den Zettel mit klammen Fingern auseinander und las:

Zwei Sonnen gibt es in meiner Welt.
:Die eine leuchtet schon immer,_
sie wärmt meine Haut.

Die zweite Sonne ist neu.
Sie leuchtet, wo du bist,
und sie wärmt mein Herz.

Ich setzte mich auf die Sandsteineinfassung des Parterres. Um ehrlich zu sein, knickten mir einfach die Beine weg. Der Schock war gewaltig, ich hatte nicht einmal die Kraft, mich umzusehen, ob der Verfasser mich beobachtete.

Ich starrte auf die sechs Zeilen, auf diese klare, schnörkellose Schrift, und mühte mich um Fassung. Doch unaufhaltsam stiegen Tränen in meine Augen.

So lange schon hatte ich mir gewünscht, daß jemand käme, und den richtigen Weg durch die wehrhafte Hecke zu meinem Dornröschenturm fände. Was hatte ich geklagt in meinen Tagebüchern, weil ich den Vorübergehenden kein Zeichen geben konnte. Und hier endlich war er ? mit einem einzigen Schwertstreich war er nicht nur durch die Hecke, sondern gleich bis in den Turm gekommen!

Was ich nun empfand, war jedoch nicht Freude, sondern panische Angst. Denn wem es gelang, soweit vorzudringen, der konnte mich auch vernichten! Ich war ihm schutzlos ausgeliefert.

Etwas berührte mich sacht von hinten. Ich kreischte hysterisch auf und fuhr herum.

Er war es. Er stand hinter mir an der tiefsten Stelle der zum Schloß hin abgesenkten Gartenanlage, so daß unsere Gesichter ungefähr auf gleicher Höhe waren.

Er sagte nichts, sah mich nur an. Schließlich hob er die Hand und wischte mir zart die Tränen fort. Das brachte nichts, ich heulte immer mehr.

“Ich heiße Hannes.”

Ich nickte und heulte weiter. Er legte seine Arme um mich.

Seitdem haben unsere Welten zwei Sonnen.

...................................................................................................© Anna Kühne