Liebeszauber

Tobias. Tobias. Tobias.

Janine lag angezogen auf ihrem Bett und wälzte sich hin und her. Seit Tagen konnte sie nur noch an ihn denken! Immer und immer wieder durchlebte sie die Szene, wie er ihr vor zwei Tagen auf dem Flur vor dem Chemieraum entgegengekommen war und wie ihre Blicke sich dabei für ein paar endlose Sekunden getroffen hatten.

Von der Seite hatte die Sonne durch die großen Fenster geschienen und das Blau seiner Augen hell aufleuchten lassen. Das hatte toll ausgesehen. Aber es war nicht nur das. Nein, Tobias hatte sie auf eine ganz besondere Art angesehen, so … ungewöhnlich ernst, gar nicht fröhlich wie sonst immer. Das war ihr irgendwie durch und durch gegangen, und seitdem war sie hoffnungslos in ihn verliebt.

Das Problem war nur, dass Tobias eigentlich nie solo war. Im Moment war Andrea aus der 9a mit ihm zusammen. Janine kamen fast die Tränen, wenn sie daran dachte. Andrea sah ziemlich gut aus, jedenfalls viel besser als Janine. Außerdem war sie älter und hatte vorher schon zweimal einen Freund gehabt. Janine dagegen war noch nie mit einem Jungen zusammen gewesen.

Janine stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich wieder einmal. Sowohl die Farbe ihrer schulterlangen Haare als auch die ihrer Augen waren undefinierbar. Ein absolut durchschnittliches Gesicht, total langweilig. Kein Wunder, dass sich niemand für sie interessierte! Nicht mal richtig Busen hatte sie – im Gegensatz zu Andrea …

Einen Hoffnungsschimmer allerdings gab es: Ihre Freundin Lili kannte ein Mädchen, das sich als Hexe bezeichnete und anderen schon öfter bei ähnlichen Problemen geholfen hatte. Vielleicht war das die Lösung. Vielleicht musste man seinem Glück einfach nur mal ein bisschen nachhelfen? Es war auf jeden Fall einen Versuch wert.

Janine holte sich das Telefon ins Zimmer, und ihre Hände zitterten vor Aufregung, als sie die Nummer wählte, die Lili ihr auf ein abgerissenes Stück Papier gekritzelt hatte.

“Hallo, komm rein”, sagte Mandy, als sie die Tür öffnete und Janine davor stand. “Ich habe schon auf dich gewartet.”

Zögernd betrat Janine die kleine Einzimmerwohnung und sah sich mit großen Augen um. Sie hatte eher den Eindruck, in eine Art Höhle geraten zu sein. Die Jalousien waren vollkommen heruntergelassen, so dass kein Tageslicht hereindrang. Stattdessen brannten auf dem Tisch, an den Wänden und auf dem Fensterbrett Dutzende von Kerzen. Die Möbel und der Teppich waren in Schwarz gehalten, seltsame Symbole und Gegenstände standen oder lagen überall herum, und eine kleine Stereoanlage spielte ruhige, mystische Musik. Die stickige Luft war schwer von exotischen Düften und Zigarettenrauch.

Die Hexe trug ein langes, schwarzes Kleid. Lili hatte gesagt, dass Mandy achtzehn Jahre alt sei, aber Janine hätte sie viel älter geschätzt. Die dunkel geschminkten Augen und Lippen ließen das schmale Gesicht bleich wirken.

Mandy lächelte Janine an. “Keine Angst”, sagte sie. “Das hier ist ein sicherer Ort. Setz dich.”

Janine erschauerte und ließ sich vorsichtig auf dem schwarzen Futon-Bett nieder, während Mandy ihr gegenüber in einem hochlehnigen Sessel Platz nahm und sich eine Zigarette anzündete. Sie bot auch Janine eine an, aber die schüttelte schnell den Kopf.

Nach einem ersten, tiefen Zug fragte Mandy: “Wenn ich dich richtig verstanden habe, geht es um einen Jungen?”

Janine nickte und wurde rot. Sie betrachtete verlegen den nahezu überquellenden Aschenbecher, der mitten auf dem Couchtisch stand.

“Was möchtest du denn erreichen?” fragte die junge Hexe weiter und sog erneut an ihrer Zigarette. Ihr Wangen wirkten noch viel hohler dabei.

“Dass er mich auch liebt”, antwortete Janine schüchtern.

“Na, da kenne ich die verschiedensten Methoden.” Mandy blies eine dicke Qualmwolke in die Luft. Ihre freie Hand spielte versonnen mit dem silbernen Pentagramm, das an einer langen Kette um ihren Hals hing. “Gibt es Hindernisse?”

“Hindernisse?” wiederholte Janine verständnislos.

“Na ja, hast du zum Beispiel eine Rivalin, die erst noch aus dem Weg geräumt werden muss?”

Janine schluckte. “Aus dem Weg räumen? Wie denn?”

“Auch da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Also hat er eine andere, ja?”

“Hm.”

“Kriegen wir alles hin. Hast du das Geld mit?”

Janine nickte. “Aber nur zehn Mark. Mehr habe ich nicht.”

Mandy machte schmale Augen und rauchte schweigend die Zigarette auf. “Na gut”, sagte sie dann und drückte die Kippe aus. “Weil du es bist. Gib her.”

Janine reichte ihr den Zehn-Mark-Schein über den niedrigen Couchtisch, und Mandy steckte ihn sich in den Ausschnitt des Kleides.

“Also, du musst Folgendes machen…”

Später, auf dem Weg nach Hause, fühlte Janine sich keinen Deut besser. Sie sollte Andreas Namen auf einen kleinen Zettel schreiben, auf einen anderen die Eigenschaft, die sie für den Grund hielt, warum Tobias mit Andrea zusammen war, und die beiden Zettel in Eiswürfeln einfrieren. Das würde Andrea die Macht, die sie über Tobias besaß, wegnehmen.

Dann sollte Janine einen Tag lang ein Stück Würfelzucker unter ihrer Achsel tragen, es anschließend in einem Getränk auflösen und dieses dann Tobias zu trinken geben. Dann würde er ihr auf der Stelle verfallen.

Janine hatte kein gutes Gefühl bei dieser Vorstellung. Zwar hatte sie ihre letzten zehn Mark für diese Beratung hingelegt, und sie wusste jetzt wenigstens, was sie tun konnte, um Tobias zu kriegen – aber ob sie es auch tun wollte, da war sie sich wirklich noch nicht sicher …

Doch als sie dann abends im Bett lag und, wie in den vergangenen beiden Nächten auch, stundenlang nicht einschlafen konnte, war ihr klar, dass endlich etwas geschehen musste, sonst würde sie noch völlig durchdrehen.

Es war schon ein Uhr nachts, als sie aufstand, die beiden Zettelchen zurechtschnitt und auf den einen “Andrea Jensen” schrieb. Bei dem anderen zögerte sie. Eigentlich wusste sie ja gar nicht genau, warum Tobias Andrea liebte. Aber sie wusste, was Andrea ihr auf jeden Fall voraus hatte. Also schrieb sie: Gutes Aussehen.

Müde tappte sie in die Küche, in der Hand die beiden Zettel, zu winzigen Kügelchen gerollt. Ohne noch einmal darüber nachzudenken, tat sie, was noch zu tun blieb, und ging dann zurück ins Bett.

Noch immer fand sie keinen Schlaf. Jetzt allerdings war es nicht mehr die Sehnsucht nach Tobias, die sie wach hielt, sondern ihr schlechtes Gewissen. Eigentlich hatte sie doch gar nichts gegen Andrea. Die war im Gegensatz zu ein paar anderen Mädchen sogar immer ziemlich nett zu ihr. Und dafür sollte sie jetzt “aus dem Weg geräumt” werden? Vielleicht passierte ihr etwas wirklich Schlimmes!

Janine bekam plötzlich so große Angst, dass sie wieder aus dem Bett sprang und zurück in die Küche raste. Dort riss sie die Eiswürfelform aus dem Gefrierfach, kippte sie in der Spüle aus und nahm hastig die beiden kalten, nassen Kügelchen an sich, bevor sie in den Abfluss rollen konnten.

“Was rumorst du denn hier rum?” hörte sie plötzlich die Stimme ihrer Mutter, halb verschlafen, halb ärgerlich. “Geht es dir nicht gut?”

Janine war vor Schreck so zusammengefahren, dass sie sich erst mal auf den Küchenstuhl setzen musste. Ihre Beine waren weich wie Watte, und ihr war auf einmal sehr heiß. In ihrem Kopf drehte sich alles.

“Ich … ich wollte nur …”

Ihre Mutter legte ihr prüfend die Hand auf die Stirn. “Mädchen, du glühst ja!” rief sie erschrocken. “Ab ins Bett! Ich hole das Thermometer.”

Die beiden nassen Kügelchen immer noch in der Hand, kroch Janine in ihr Bett und fühlte sich wirklich richtig krank. Ihr brach der Schweiß aus, und gleichzeitig fror sie wie verrückt. Wie zum Trotz schoss die Anzeige des Fieberthermometers innerhalb weniger Sekunden hoch auf 40,2°C.

“Kalte Umschläge”, sagte ihre Mutter ganz aufgeregt. “Ich mach dir sofort kalte Umschläge.”

“Nein, bloß nicht”, jammerte Janine. “Mir ist schon eiskalt!”

Es endete damit, dass Janine zwar mit diversen Decken bis ans Kinn zugedeckt im Bett lag, ihre Mutter ihr aber einen eiskalten Lappen auf die Stirn legte, den sie jede Minute auswechselte.

Die beiden Kügelchen in Janines Hand schienen zu glühen, aber sie hatte keine Kraft, sie wegzulegen, bevor sie endlich einschlief.

Als Janine aufwachte, war es noch früh am Morgen. Draußen dämmerte es gerade erst. Neben ihrem Bett saß ihre Mutter zusammengesunken auf einem Stuhl und schnarchte leise.

Janine zog sich den halbtrockenen Waschlappen von der Stirn und stellte fest, dass das Fieber wohl weg sein musste, denn sie fühlte sich nicht mehr krank. Ganz im Gegenteil, es ging ihr so hervorragend, dass sie keine Sekunde länger mehr im Bett bleiben wollte! Vorsichtig schob sie die schweren Decken beiseite, schlüpfte erleichtert aus dem Bett und reckte sich erst einmal kräftig.

Dabei fiel ihr auf, dass die Papierkügelchen nicht mehr in ihrer Hand waren. Schnell drehte sie sich um und tastete das noch warme Laken ab. Da! Die Kügelchen waren wieder ganz trocken.

Janine ging ins Bad und blinzelte dort in den Spiegel. Es war ein fremdes Gesicht, was da zurückblinzelte. Das musste wohl daran liegen, dass Janine noch nicht wieder richtig gucken konnte… Doch es blieb dabei: Sie betrachtete sich im Spiegel, als sähe sie sich zum allerersten Mal! Und das Erstaunlichste war: Sie fand nichts auszusetzen an ihrem Gesicht. Gar nichts. Überhaupt nichts. Da war ein freundliches Mädchen mit dunklen Augen und lustigen Grübchen in den Mundwinkeln.

Verwirrt sah Janine auf die Papierkügelchen in ihrer Hand, begann vorsichtig, sie zu entfalten, und hielt auf einmal die Luft an. Beide Zettel waren leer! Dabei wusste Janine noch genau, was sie mit Kugelschreiber draufgeschrieben hatte …

“He, was ist denn mit dir los?” fragte Lili erstaunt, als sie Janine wie immer zur Schule abholte.

“Was soll mit mir los sein?” fragte Janine und strahlte ihre Freundin an.

Lili runzelte die Stirn. “Du siehst so … anders aus. Total fröhlich irgendwie!”

Später auf dem Schulhof hielt Janine nach Andrea Ausschau. Aber sie war nirgends zu entdecken. Tobias dafür schon.

Als es zum Reingehen klingelte, huschte Janine mit aufgeregt klopfendem Herzen an seine Seite: “Ist Andrea heute gar nicht da?”

Er sah Janine aufmerksam an. “Sie kommt später. Ist erst noch beim Arzt.”

Janine hatte ein Gefühl, als wenn es mit einem Fahrstuhl unerwartet abwärts ging, und schlug sich erschrocken mit der Hand auf den Mund. “Oh, nein … Was ist denn mit ihr?”

“Nichts Schlimmes. Heute Nacht hatte sie einen Anfall von übelstem Schüttelfrost, nur kurz zwar, vielleicht ‘ne halbe Stunde. Aber die Sache kam ihr so komisch vor, dass sie sich lieber mal durchchecken lässt. Wieso? Wolltest du was von ihr?”

...................................................................................................© Anna Kühne