Halloween

Carolin saß an einem der Fenster des Reisebusses, der über die nächtliche Landstraße fuhr. Ihre Mitschüler um sie herum schliefen oder schwatzten, spielten Karten oder Gameboy und futterten die letzten Proviantreste.

Doch davon bekam Carolin nur etwas mit, wenn sie, was selten genug geschah, die Augen einmal abwandte von der tiefschwarzen Finsternis hinter den reflektierenden Busfenstern. Diese Nacht war lebendig und voll von geflüsterten Botschaften, die gewiss nur deswegen nicht zu Carolin durchdrangen, weil sie Kopfhörer aufhatte und der sphärisch-melancholischen Musik lauschte, die sie bereits so oft gehört hatte, dass deren Klang schon fast ein Teil ihrer selbst geworden war.

Wenn der Bus durch eine Ortschaft fuhr, wartete Carolin ungeduldig darauf, dass die Lichter verschwanden, damit sie wieder in die geheimnisvolle Dunkelheit hinter den Scheiben eintauchen konnte.

Irgendwann jedoch erschienen ein paar verschwommene Lichter hoch oben in der Luft – so hoch, dass Carolin den Atem anhielt und mit großen Augen hinaufstarrte.

Sie erschauerte, als habe eine kalte Hand nach ihrem Herzen gegriffen, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Die Tränen zeichneten brennend heiße Spuren auf Carolins Wangen. Sie verstand zwar nicht, warum diese Lichter da oben eine solche Wirkung auf sie hatten, aber sie wehrte sich nicht dagegen. Es gab da einen besonderen Grund, da war sie sich sicher, auch wenn er ihr unbekannt war wie all die zahllosen Botschaften der Nacht.

Dieser Nacht.

Halloween.

Seit Jahren hatte Carolin eine besondere Beziehung zu diesem Datum. Sie war auch sonst nicht gerade ein fröhliches Mädchen, aber an Halloween hatte sie immer das Gefühl, als ob bereits Hunderte von Leben auf ihren Schultern lasteten. Und in einem dieser vergangenen Leben hatte wohl auch das merkwürdige Gefühl, das sie jetzt beim Anblick dieser Lichter dort oben ergriff, seine Ursache. An Halloween war die Grenze zwischen der dieser Welt und den anderen Welten besonders dünn, hieß es …

Die undeutlichen Lichter in der Höhe gehörten zur Jugendherberge, wie sich bald herausstellte. Dort würden die beiden Schulklassen die nächsten Tage verbringen. Es war eine restaurierte Burg, die auf einem steil aufragenden Felsen lag, hoch über der kleinen Ortschaft, deren Lampen unten im finsteren Flachland glitzerten wie Silberschmuck im Licht einer Kerze.

Doch dieser Zauber verlor sich, als der Bus sich näherte. Bald waren es nur noch ganz normale Straßenlaternen und Wohnzimmerfenster, die vom blassen Licht der Fernsehbildschirme hektisch flackernd erhellt wurden.

Carolin wischte sich die Tränen ab und blieb still sitzen, bis der Reisebus auf dem Parkplatz am Fuße des Burgberges hielt.

Sie schaltete den Walkman aus und nahm die Kopfhörerstöpsel aus den Ohren. Und ja, es war, wie sie es geahnt hatte: Ein Wirrwarr flüsternder Stimmen erfüllte heute Nacht die Luft, die meisten unverständlich, fremd.

Doch da war eine Stimme, die ihr bekannt vorkam, ohne dass sie hätte sagen können, warum. Als sie ausgestiegen war, verstand sie sogar ein paar Worte.
”... möchte zerspringen min Herze mir gar von Leidenssachen … ich wär lange tot …”

Es war die Stimme eines jungen Mannes, und sie war so voller Traurigkeit, dass Carolin erneut ein Schauer überrann.

“He, träumst du?” Jemand stieß sie an.

Verwundert sah sie sich um. Es war Jeremias aus ihrer Klasse.

“Du bist die Letzte, die ihr Gepäck noch nicht genommen hat”, sagte er. “Wir müssen es alleine da hoch schleppen. Schöne Sauerei …”

Carolin sah ihn an, antwortete aber nicht, sondern ging ihren kleinen Koffer holen. Als sie ihn aus dem ansonsten leeren Gepäckraum des Busses zog, war er so schwer, wie er sein musste mit all den warmen Klamotten gegen das feuchte Herbstwetter, die Carolin eingepackt hatte. Doch als sie ihn dann trug, schien er mit jedem Schritt an Gewicht zu verlieren.

Immer leichter wurde er ihr, während sie mit langsamen, ruhigen Schritten zur Burg hinaufzusteigen begann. Zwar geriet sie dennoch bald außer Atem, aber wieder hörte sie deutlich die Stimme, deren Klang ihr das Gefühl gab, als müsse ihr Herz wie Wachs zerfließen.

” ... das ist eine Not, dass ich in ihrn Armen soll nie mehr erwarmen … soll ich in ihrn Armen nie mehr ruhen nicht … o weh, ruhen nicht … o weh, ruhen nicht …”
Es schüttelte Carolin regelrecht, aber nicht vor Entsetzen, sondern vor Mitgefühl. Der Schmerz in den geflüsterten Worten fand ein Echo in ihrem Inneren, das sich immer mehr mit Sehnsucht zu füllen begann.

Als sie oben im Burghof ankam, warteten die anderen nur noch auf sie und beschwerten sich, warum sie so gebummelt habe, aber Carolin sah sie alle an wie Fremde, deren Sprache sie nicht verstand.

Still folgte sie ihnen, begab sich mechanisch in das Turmzimmer, in dem sie mit drei anderen Mädchen aus ihrer Klasse wohnen würde. Alle Zimmer in der Burg hatten Namen aus der Sagenwelt. Neben der Tür, durch die Carolin jetzt trat, stand auf einem Holzbrett der Name Tantalus.

Sie machte sich keine Gedanken darüber, denn ihre Aufmerksamkeit wurde von etwas anderem in Anspruch genommen: Im selben Moment, als sie dieses Zimmer betrat, strich ihr irgendwer federsanft über die kühle Wange.

Wer es war, blieb unklar, denn weder war eines der anderen Mädchen in ihrer Nähe noch jemand anders zu sehen. Aber die unendlich zärtliche Berührung vibrierte noch ein paar Sekunden unter Carolins Haut, als habe jemand kunstvoll eine Saite angeschlagen.

Joss!

Der Name erschlug sie förmlich, ohne dass sie sagen konnte, warum. Joss? Wer sollte das sein? Sie kannte niemanden mit diesem Namen. Aber die Berührung, die wie eine Saite fortgeklungen hatte … Diese Berührung hatte eine Erinnerung wachgerufen. Die Erinnerung an … was nur?

“Caro, ist dir nicht gut? Du bist ja ganz blass! Soll ich Frau Nieswand holen?”
Carolin sah das Mädchen, das vor ihr stand, wie durch eine dicke Glaswand an. Irgendwann hatte sie mal gewusst, wie dieses Mädchen hieß, aber im Moment kam sie einfach nicht drauf.

”... Tantalus’ Geselle bin ich nu g’sin … den dürstet viel sehre und tut Hunger weh …”

“Caro! Mensch, sag doch mal was! Bist du krank? Tut dir was weh?”

”... doch so fliehen Obst vor dem Munde sin, Granat mancherleie … und ein tiefer See … lieblicher Augen Blicke … ach, die tun mir weh … ach, die tun mir weh …”

“Joss …” Carolin hatte das seltsame Gefühl zusammenzubrechen und gleichzeitig stehen zu bleiben. Sie sah auf ihren leblosen Körper hinab, der von drei Mädchen mit entsetzten Gesichtern gehalten wurde.

Joss?

Verwirrt sah Carolin an sich hinab. Sie trug ein wunderschönes, langes Kleid aus blutrotem Samt, das merkwürdig altertümlich geschnitten war und hinter ihr auf dem Boden nachschleifte.

Als sie wieder aufsah, stand Joss direkt vor ihr.

Sie blickte in das Gesicht eines Jungen von vielleicht siebzehn Jahren, mit hellen Augen und dunklem Haar, das sich bis auf seine Schultern ringelte. Er trug eine blaue Wolltunika, die ihm bis zu den bestrumpften Knien reichte, und an den Füßen spitz zulaufende Schuhe aus rotgefärbtem Leder.

“Karolina!”

“Joss!”

Sie traten scheu auf einander zu, als täten sie etwas Verbotenes. Carolin spürte, dass sie von diesem Jungen lange, viel zu lange getrennt gewesen war. Dass sie sich so schmerzvoll nach ihm gesehnt hatte, wie er sich nach ihr. Eine Unendlichkeit lang. Mindestens.

Wie zwei Wolken, die auf einander zudrifteten, glitten sie einander in die Arme. Oh, wie vertraut Carolin dieser Jungenkörper war! Als hätte sie ihn erst gestern zum letzten Mal umarmt! Ihre Hände wanderten über seinen muskulösen Rücken, über den sich der raue Stoff der Tunika spannte, drückten ihn mit ganzer Kraft an sich. Dann spürte sie die Lippen des Jungen auf ihren, weich und nachgiebig wie … nein, es war nicht zu beschreiben.

Carolin schmolz in seinen Armen dahin, versank mit diesem Jungen in einem Meer der Zärtlichkeit. Nichts war mehr wichtig, nur sie und er. Beide waren sie am Ziel angelangt. Es gab kein Davor und kein Danach, nur ein endloses Jetzt.

“Carolin! Hörst du mich?”

Nein. Sie wollte nicht hören. Wo diese Stimme herkam, war es kalt und freudlos im Vergleich zu dem Ort, an dem sie sich jetzt befand. Doch es war schon zu spät. Die Gestalt des Jungen in ihren Armen begann sich aufzulösen, verlor an Festigkeit und Kontur. “Joss …” flüsterte sie verzweifelt. “Nein, geh noch nicht …”

“Sie kommt zu sich. Na, Gott sei Dank.”

Carolin begann zu weinen. Die Tränen brannten wieder auf ihren empfindlichen Wangen, und dieser körperliche Schmerz war es, der sie endgültig zurückrief in ihr gegenwärtiges Leben. Sie hasste es zurückzukehren. Sie sträubte sich sogar mit aller Kraft dagegen. Aber letztlich lag es nicht in ihrer Macht, es zu verhindern.

Hemmungslos schluchzend fügte sie sich in ihr Schicksal und öffnete ein wenig die Augen.

“Herrje, Carolin, hast du uns vielleicht einen Schrecken eingejagt”, sagte eine besorgte Frauenstimme. “Aber jetzt wird alles wieder gut …”

Carolin hätte dem gern widersprochen, aber sie begriff im selben Moment, dass Frau Nieswand, ihre Klassenlehrerin, tatsächlich Recht hatte und gar nicht ahnen konnte, wie sehr.

Sicher, Carolin hatte sich von Joss wieder trennen müssen.

Aber die Erinnerung an die wunderbare Begegnung mit ihm würde sie für den Rest des Lebens in sich tragen wie einen unsagbar kostbaren Schatz. Nichts und niemand würde ihr das je wegnehmen können. Jeder Milliardär war von nun an ärmer als sie – ein Mädchen namens Carolin.

...................................................................................................© Anna Kühne