Dinner for two

Oh, wenn heute nur schon morgen wäre! Dann wäre diese Katastrophe von Konzert nicht gerade eben erst passiert und sie müsste nicht noch ein Abendessen mit diesem Versager von Pianisten überstehen …

Gott, ihr war übel. Die Kritik würde vernichtend sein. Natürlich hatte nicht sie den Abend vermasselt. Sie war sogar einigermaßen gut gewesen. Aber was machte das für einen Eindruck, wenn der Pianist die Reihenfolge der Stücke durcheinander brachte? Und sich auch noch immer wieder verspielte? Sicher, sie hätte einfach darauf eingehen und das Programm spontan ändern können. Sie war ja Profi. Aber die vorgesehene Reihenfolge war nicht zufällig zustande gekommen, es gab einen inhaltlichen Zusammenhang. Nein, da war es schon besser gewesen, abzubrechen und ihn zu korrigieren.

Oh, sie wußte genau, was jetzt in den Köpfen vorging. Wieso läßt die Conrad sich von einem solchen Anfänger begleiten? Das hat sie doch gar nicht nötig. Die Pianisten stehen Schlange, um sie bei Konzerten begleiten zu dürfen. Warum also ausgerechnet der? Dafür gibt es nur eine logische Erklärung – gewiß hat sie ein Verhältnis mit ihm. Lange genug verheiratet ist sie ja, um etwas mit einem Jüngeren anzufangen …

Ein Verhältnis mit diesem Stümper! Das wäre ja gelacht. Aber um das Essen mit ihm kam sie nicht herum. Sie waren beide fremd in der Stadt und nur für diesen einen Abend hier. Es wäre zu unhöflich, einfach abzusagen. Vielleicht, wenn sie Kopfschmerzen vortäuschte …? Dann würde er womöglich den ganzen Abend allein da unten im Hotelrestaurant sitzen und mit sich hadern. Nein, das brachte sie nicht übers Herz. Sie wußte zu gut, wie sehr ein Künstler Trost braucht, wenn er an sich zweifelt. Und dieser junge Mann hatte allen Grund, heute an sich zu zweifeln.

Ein Blick in den Spiegel, ja, ihre Haare lagen einigermaßen, das Make-up war dezent, der Ausschnitt gerade noch anständig. Augen zu und durch. Vielleicht wurde es gar nicht so schlimm.

Natürlich saß er schon da und wartete. Er sah ganz anders aus als vorhin in Krawatte und Anzug. Derart unauffällig auf einmal, daß man ihn für alles halten würde, nur nicht für einen Pianisten. Automechaniker vielleicht, oder Ingenieur. Oder Mitarbeiter der Müllabfuhr, das würde auch passen. Hoffentlich hatte er wenigstens anständige Tischmanieren. Ihr Mann daheim war ein in dieser Hinsicht unverbesserlicher Ignorant, das reichte ihr völlig.

Na los, Junge, dachte sie, kein langes Herumdrucksen. Fang am besten gleich an, dich zu entschuldigen, damit ich Verständnis und Trost heucheln kann. Dann haben wir es beide hinter uns und können uns vielleicht sogar wie ganz normale Menschen unterhalten.

Doch sein Blick verriet nicht die geringste Unsicherheit. Er schien sich an seine peinlichen Patzer überhaupt nicht zu erinnern, redete ruhig, suchte für sie beide Wein aus, machte ihr unaufdringlich Komplimente, lächelte sogar mehrmals.
Was für ein Selbstbewußtsein, dachte sie neidvoll. Wie viele Seelenqualen würde sie sich ersparen, wenn sie mit Mißerfolgen so unbeeindruckt umgehen könnte wie dieser junge Mann! Es machte sie regelrecht ärgerlich. Irgendwie mußte es doch zu schaffen sein, ihm das zu vermiesen. Allerdings nicht zu frontal. Sie wollte nicht wie eine zickige Diva dastehen. Vielleicht genügte ein versteckter Hinweis darauf, daß das Konzert viel besser geworden wäre, wenn nicht er, sondern Anselm sie heute begleitet hätte. Anselm und sie waren seit Monaten ein eingespieltes Team.

Der Kellner brachte den Wein. Sie sah zu, wie der Pianist dankte, die Weinflasche selbst in die Hand nahm und einschenkte. Ein angenehmer Schauer durchrieselte sie.

Sie verstand nicht sofort, wodurch diese Reaktion ausgelöst worden war. Doch dann begriff sie, daß es an der Art lag, wie ihr Gegenüber die Weinflasche umfaßt hielt. Die Finger berührten das kühle, grüne Glas, als liebkosten sie es, und sie hatte plötzlich wider Willen eine Vision von warmen Fingern auf kühler, weißer Haut – ihrer Haut.

Als er dann vorsichtig den schlanken Stiel des bauchigen Rotweinglases zwischen Zeigefinger und Daumen nahm, um mit ihr anzustoßen, durchrieselte es sie erneut. Diesmal deutlich weiter unten. Mühsam lächelnd sah sie zu, wie die zarten Glasbäuche sich einander zuneigten, hörte den Kristallklang ihrer Berührung.

Sie führte das Glas zum Mund und beobachtete ihr Gegenüber. Wenn er so trank, wie er eingeschenkt hatte … Ohne es zu merken, hielt sie den Atem an. Sie sah, wie seine Lippen sich weich und anschmiegsam gegen den Rand des Glases legten, wie der Wein nur ganz leicht schaukelte, um schließlich bereitwillig die lebendige Brücke in den Mund zu überqueren. Sie sah, wie die Lippen sich schlossen, feucht nun wie die rosa glänzende Zunge, die sich für einen kurzen Moment dazwischenschob.

Sie faßte sich und zwinkerte ungläubig. Was war das? Eine Art Hypnose? Mit Mühe nur hörte sie auf, den jungen Mann anzustarren, und nahm selbst einen Schluck von ihrem Wein. Noch nie hatte sie den Charakter eines Weines so intensiv wahrgenommen wie diesmal. Die ganze Situation erschien ihr auf einmal sonderbar unwirklich.

Verwirrt und schweigend studierte sie das Menü.

Sie wählte Lachssteak, er Wiener Schnitzel. Nachdem serviert worden war, wünschten sie sich gegenseitig guten Appetit, und während sie sich den ersten Bissen des zartschmelzenden Lachsfleisches in den Mund schob, beobachtete sie unauffällig ihren jungen Kollegen.

Ihr Mann daheim pflegte sein Futter in sich hineinzuschaufeln, als sei er Kohlenschipper im Akkord. Es war stets eine Qual, ihn zu offiziellen Essen mitzunehmen. Zehn Ehejahre hatten nicht ausgereicht, um ihm vernünftige Manieren anzugewöhnen. Er lärmte ohne jedes Gefühl mit dem Besteck auf dem Teller herum, schob sich einen gigantischen Bissen nach dem anderen in den noch vollen Mund und schmatzte ungeniert. Ob mißratender Nudelauflauf oder köstlichstes Dessert – alles stopfte er mit der achtlosen Gier eines Höhlenmenschen in sich hinein. Und sie litt wie eine wahre Heldin, sobald es zu Hause “Guten Appetit” hieß. Unglücklicherweise besaß ihr Mann zu viele andere Qualitäten, als daß seine fehlenden Tischmanieren ihr als Trennungsgrund gereicht hätten.

Da war es doch ein geradezu erhebendes Erlebnis, diesem mittelmäßigen Pianisten hier zuzusehen. Er hielt das Besteck wie ein zivilisierter Mensch und handhabte es mit einer ruhigen Eleganz, die sie ehrlich überraschte. Es hatte etwas Zärtliches, wie er die Bissen vom Schnitzel abschnitt, und etwas geradezu Zeremonielles, wie er die Gabel dann zum Mund führte und zwischen den sanft geschlossenen, weichen Lippen wieder herauszog. Sein ganzer Körper vollführte dabei jedes Mal eine kaum wahrnehmbare, unerhört geschmeidige Bewegung, die einen an ganz andere Dinge denken ließ als ans Essen. Und vor allem – es war kaum zu hören, wie er aß!

Es war ihr peinlich, aber es gelang ihr nicht mehr, den Blick abzuwenden. Wie gebannt wartete sie immer wieder auf den Moment, wenn er das nächste Mal die Gabel zum Mund führte, wie die seidig glänzenden Lippen sich um das Metall schließen würden, und wie die blanken Zinken wenig später unter dem leichten Druck des Kusses genüßlich wieder zum Vorschein kamen.

Sie vergaß zu essen. Er schien es nicht zu bemerken. Ab und zu sah er sie an und lächelte beim Kauen, und dann war ihr, als säße sie in einem Fahrstuhl, der unvermittelt und viel zu schnell abwärts fuhr.

“Anselm”, hörte sie ihn irgendwann gelassen sagen, “bat mich übrigens, ihn auch heute Nacht zu vertreten. Wäre Ihnen das recht?”

“Ja”, antwortete sie sofort.

Es klang erleichtert.

................................................................................................... © Anna Kühne