Eibensang

deine worte hallen wider
hundertfach das echo tönt
und in meine tiefen nieder
laß ich mich, wo unversöhnt

seit langem solche lieder klingen
vernunft verbot mir zuzuhörn
doch auch in mir ist dieses singen
und diesmal kann ich nicht verwehrn

daß die götter in mir sich empören
weil ich so lang mich taub gestellt
zu feige war, sie zu beschwören
und mied die eigne unterwelt

die ich doch dachte gut zu kennen
die mir doch botschaft oft gesandt
wo doch vertraute feuer brennen
und die ich doch nicht hab erkannt

die wilde wucht des eibensangs
erweckt die verzagten gestalten
und macht, daß ob des furiosen klangs
sie ihres amtes walten

sie drängen mich ins freie hinaus
in die wahre, die uralte welt
sie jagen mich aus dem bequemen haus
weil’s mir die sinne verstellt

hier draußen bin ich teil der kräfte
der treibenden, heilenden sinfonie
in meinem körper steigen die säfte
und fluten die äcker der monotonie

nie wieder verfall ich dem billigen schein
der kunststoffummantelten süchte
viel lieber verschmelz ich mit feuchtem gestein
und koste vergessene früchte

und kehr ich zurück, so bin ich ‘ne andre
verwandelt, man erkennt mich kaum
ich küsse den bleichen mond und wandre
fort, zu folgen meinem traum

© Anna Kühne