Fliegen lernen

(für Adina)

Einem jungen Vogel wurde früh
das Fliegen gründlich vergällt.
Es sei vergebliche Liebesmüh
zu trauen der herzlosen Welt,
so lehrte man ihn und erreichte,
daß er seine Flügel verbarg
und jedes Mal erbleichte,
wenn man öffnete den Sarg,
in dessen dunklem Schutz er saß
und still vom Fliegen träumte.
Selten, daß er sich vergaß
und, ahnend, was er versäumte,
die schmächtigen Schwingen entstaubte,
und ohne, daß einer es sah,
ein zages Flattern sich erlaubte,
erstaunt, wie befreiend das war,
selbst in des Sarges Enge!
Wie herrlich mußt’ es da erst sein,
zu entfliehen der Feigheit Strenge
und diesem Kasten, der viel zu klein
für all die Weite in der Brust,
für die Sehnsucht nach Himmelsblau,
für diese unanständige Lust
am Vogelsein! Morgentau
auf den Federn – welch süßer Traum.
Und es kam der Tag, da wagte
der Vogel sich auf einen Baum.
Ach, wie er sich dafür plagte!
Doch beflügelte ihn dieser Flug,
weil mit Herzklopfen er entdeckte,
daß ihn die Luft tatsächlich trug,
und wie klar und würzig sie schmeckte.
Seine Flügel zwar erlahmten ihm bald,
und seine Lungen pumpten.
Es war so hell und auch so kalt,
und seine Sinne summten
von der Vielfalt dieser bunten Welt!
Aber der Himmel über ihm lockte,
und vor ihm das weite Feld.

Er zog immer größere Kreise,
immer höher stieg er auf,
und er stimmte, zunächst noch leise,
ein in das Lied vom Lauf
der Welt, die herzlos wohl, doch weise
ihm Flügel gegeben zum Fliegen,
und nicht, um verborgen im Dunkeln zu liegen.
Und die Weite im Vogelherzen
ergoß sich in die Welt – eine weitere jener Kerzen,
deren Licht andrer Dunkel erhellt.

© Anna Kühne