Das Lied der Miriam

Mutter, liebe Mutter mein,
ich bin doch längst schon nicht mehr klein!
Ich weiß, du liebst dein einzig Kind,
doch wär ich gern, wo andre sind,

die ihrer Mütter Hut entflohen,
die den Gefahren, die nun drohen,
allein begegnen. Lernbereit
stürzen sie sich in den Streit

mit des Lebens Tücken und Fallen.
Gefangen in deinen Fürsorgekrallen,
sitz ich hier am Rand des Nestes
und vermisse sehnsuchtsvoll mein Bestes,

das du doch nur willst, nicht wahr?
Die Freiheit fehlt mir, wird mir klar,
zu fliegen mit meinen eigenen Flügeln,
mir meine Wäsche alleine zu bügeln,

selig zu werden nach meiner Fasson,
allein zu finden zur Räson,
zu der du mich zu bringen gedenkst,
und deshalb meine Schritte lenkst.

Mutter, liebe Mutter mein,
willst du tatsächlich schuldig sein,
daß flügellahm ich hocken muß
im Nest, stets fest gepreßt an deine Brust,

und dann, wenn du einst von mir gehst,
auch mir der junge Leib verwest?
Weil ich zu fliegen nicht gelernt?
Weil ich von dir mich nie entfernt?

Weil ewig ich als Kind gedient?
Weil du den Weg hinaus vermint
mit Abhängigkeit und kleinmüt’gem Denken?
Weil weiter deine Worte kränken

und fesseln, selbst wenn du verschieden?
Wie kannst du glauben mich zu lieben,
wenn zum Krüppel du mich stümmelst,
den Lebensfaden du mir dünn hältst?

Dein Sarg, er wird der meinige,
wenn ich nicht dich bald peinige,
indem ich spring von Nestes Rand,
nicht achtend den höllisch schmerzenden Brand,

den ich in deinem Herzen lege,
wenn flugs ich mich hinweg begebe.
Enteilen will ich dem Würgegriff
der liebenden Mutter, die noch nicht begriff,

daß Hände, die halten, verlieren werden!
Ach, himmlisch wird mir sein auf Erden,
wenn deine Ketten ich gesprengt
und mir die Sonne die Flügel sengt!

© Anna Kühne