Zur tiefenpsychologischen Problematik des persönlichen Selbstverständnisses von Mann und Frau...

Was macht es so absonderlich,
dass Mann und Frau nicht sicher sich,
ob sie so richtig, wie sie sind?
Die Antwort weiß – nein, nicht der Wind.
Ich will euch sagen, was uns plagt,
warum ein jeder stets sich fragt,
ob er ein Mann, wie sich’s gehört,
ob sie ‘ne Frau, und ob’s wen stört…
Kein Wunder ist’s, dass wir so hadern
mit unsrer zweiten Daseinsschicht.
Umgeben von Mauern aus Psychoquadern
entgeht uns schlicht das eigne Gesicht.
Denn immer und zuallererst
sind Menschen wir seit Anbeginn.
Wenn du dem Menschen das gewährst,
wes er entbehrt, so bleibt sein Sinn
auf das gerichtet, was für ihn
von wahrem Wert, seit er erschien
in dieser Welt, und das, mein Freund,
ist nicht das Geld!
Gewähr ihm das Gefühl, dass er
von Nutzen ist für andre Seelen,
dann wird das Herze ihm nicht schwer,
und Bosheit wird in ihm nicht schwelen.
Denn was, ich frag euch, übertrifft
die Freude, die wir uns erringen,
indem wir Frohsinn, Lebensmut und Trost
in andrer Herzen bringen?
Dann kommt die Einsicht von allein:
So, wie wir sind, so sind wir fein!
Wer fragt dann noch nach Nebensachen
wie Schönheit, Alter und Geschlecht?
Zufrieden die Seele, die Augen lachen
und ewig das Leben – so ist’s recht!

© Anna Kühne