Magnolia

Ein Schrei erschüttert die tiefschwarze Nacht,
bricht gellend sich Bahn, noch eh du’s gedacht,
direkt in dein Herz, und frisst sich hinab
in verlassne Gewölbe, ins gähnende Grab

vergilbter Schmerzen, in des Hasses
steinernen Sarkophag.
Flüchten ist müßig, drum lass es,
denn niemand entkommt dem Jüngsten Tag.

Des schrillen Schreies Widerhall
begleitet dich bis zum Morgen,
entkleidet die Seele und bringt dich zu Fall,
entblößend, was lag verborgen.

Eines anderen Pein vibriert nun in dir,
und deine morschen Krücken bersten,
er schreit deinen Schrei, gar listig dir
so den eignen entringend – den ersten!

Dem fremden Schrei zu gesellt sich nun ein zweiter,
wie eins durchschneiden die Stimmen die Nacht.
Die gespiegelte Qual vervielfacht sich weiter,
bis jegliches Leid zum Klingen gebracht.

Dann versagt euch die Kehle. Du findest dich wieder,
gekrümmt und gewunden, am Boden zerstört.
Doch in den Gewölben ertönen nun Lieder,
hauchzarte Gesänge, die du sonst nie gehört.

Die Katakomben beben in sanfter Stille,
und ermattet ruht die Seele aus.
Nach apokalyptischem Gebrülle
bist endlich du in dir zu Haus.

© Anna Kühne