Katharsis

Es ballt sich zusammen
mit lichtloser Macht,
und wehe dem Toren
der dies Tosen entfacht!
Da hockt die Seele,
bereit zum Sprunge,
bereit zu vernichten
den Besitzer der Zunge,
die unbeschwert foltert
in argloser Tücke.
Schritt um Schritt stolpert
er zum Ende der Brücke,
wo das Reich der Vernunft
seine Grenze hat,
wo Schmerz schwingt das Zepter
an Langmuts Statt,
wo unbändiger Wut
blutrünstige Hunde
schon kläffen in Mordgier
zu schlagen böse Wunde
dem Ahnungslosen.

Er glaubt sich sicher,
verlacht heiße Tränen,
scheint sich auch
im Recht zu wähnen.
Er sieht nicht den Abgrund,
das verzehrende Feuer,
das lauernde Monster
hinter schwachem Gemäuer.
Er spielt mit dem Herzen,
dessen Haß er nicht kennt,
der nichtsdestotrotz
in den Tiefen brennt.
Der Sturm tobt gewaltig
mit stets neuer Kraft,
die der unwissende Tor
immer neu ihm verschafft.
Nicht lange mehr halten
die Ketten stand,
dann wüten die Gewalten
mit brüllendem Brand
und verschlingen den Toren,
der so grausam gewesen
zu quälen mit Freude
ein liebendes Wesen.

Und doch kann’s nicht sein
daß die Hölle hier siegt.
Der Mensch erträgt vieles,
wenn er wahrhaftig liebt.
Der Tor ist nur Tor
aus Unwissenheit.
Drum belehr ihn, bevor
zu Mord wird der Streit!
Er spürt die Gefahr,
die düster ihm naht,
und nimmt doch nicht wahr,
wie einfach die Tat,
die alle Not lindert,
auch Mordlust verweht,
Katastrophen verhindert
und die auch sein Herz erfleht.
Eine sanfte Geste,
ein einlenkend Wort,
sie wischen die Wut
mit Leichtigkeit fort.
Als hätt’s ihn nie gegeben,
erstirbt der Orkan,
und zurück springt das Leben
in friedliche Bahn.
Erschöpft und erleichtert
von dieser Tortur,
und doch auch bereichert,
bebt lang noch
das Herz.

© Anna Kühne