Sie an Ihn

(nach Art der alten Minnesänger)

Ach, Liebster, der du ferne bist,
so fern, daß kaum ich’s mag bedenken,
wie hätt ich dich jetzt gern geküßt!
Allein, ich muß mich kränken.

So öd ist der geheime Ort,
an dem wir oft gelegen,
der Leidenschaft geweihter Hort
verdorrt, ist ohne Segen.

Dies fruchtbar Tal verlangt nach dir,
nach deiner Minne Gaben.
Es darbt das liebe pelz’ge Tier,
das sich so gern ließ laben.

Wie sehr ersehnt es dein Liebkosen,
wie schmachtet’s hin in Einsamkeit,
wie stolz verschmäht es die Almosen,
die’s haben könnte allezeit.

Es will und hat nur eins im Sinn:
mit dir vereint zu sein!
Verzeih, daß ich so lüstern bin,
doch Pelzchen meint, der schnöde Schein

gedeiht der Minne nur zum Schaden.
Drum frei heraus mit dem Geschrei,
will jammern laut und klagen,
auf daß die Not geringer sei!

Komm, Liebster du, komm her zu mir,
laß uns im Tal frohlocken!
Laß trösten uns das pelz’ge Tier
und läuten alle Glocken!

Dann wind ich mich in deinen Händen,
dann tränkst du mir den dürren Wald,
dann wird die Wonne nimmer enden – ach, bald, Geliebter, bald!

© Anna Kühne