Kreuzung

Einen weiten Weg, den bin ich gegangen,
hab, ach, so oft von vorn angefangen,
wollt, wo ich jetzt bin, hingelangen,
vergangen wissen stetiges Bangen.

Da liegt sie nun vor mir, so eben und glatt,
die Straße, die alles zu bieten hat.
So scheint es zumindest, doch bin ich schon satt
von ihrem Anblick: ihr Gleichmaß macht matt.

Ein jeder, so heißt es, erstrebt dieses Ziel,
das doch keines ist, denn da funkelt nicht viel
am Ende der Straße, die einst mir gefiel,
weil man ruhig auf ihr läuft – und das gilt viel.

Lockende Pfade führen seitwärts ins Dickicht,
wo gleißende Helle dir blendet den Blick nicht.
Und doch – so mancher wünscht bald schon zurück sich,
zurück auf die Straße, zu Vorsicht und Rücksicht.

Denn hier, in den Tiefen des Unwägbaren,
lauert der Feind der Unwandelbaren.
Hier mußt du gefaßt sein auf Angst und Gefahren,
auf Angriff und Rückschlag und tückisch Gebaren.

Jeder Schritt fordert volle Aufmerksamkeit,
jeder Tag, überlebt, gibt Kraft für den Streit,
der stets dich erwartet mit Unfehlbarkeit
als Prüfstein für Willen und Ernsthaftigkeit.

Vorbei dann die Zeit, wo du abends schon weißt,
was dich morgens erwartet und wie weit du reist,
wie groß das Stück Brot, das du sicher verspeist,
welche Antwort du suchst, und wie die Frage gleich heißt.

Hier steh ich am Kreuzweg und grübele schwer,
ob’s denn tatsächlich so grauenvoll wär,
sich fein zu bescheiden mit der Straße Gewähr
und so zu verzichten auf alles, was mehr.

Doch sind es nicht stets auch Wagemut,
unbändiges Wollen und Geistes Glut,
die bewirken der Zeiten Ebbe und Flut?
Behäbigkeit tut beim Suchen nicht gut.

So wendet mein Fuß sich hinweg vom Geraden,
um strebendem Geiste Geradheit zu bahnen.
Denn allein im Wandeln auf eigenen Pfaden
auf eigene Fragen wir Antwort erfahren.

© Anna Kühne